Was ist dran an dieser Achtsamkeit und wieso leben wir in einer stressigen Zeit?

7. June 2020

Als ich vor über 1,5 Jahren angefangen habe, mich richtig mit dem Thema Achtsamkeit zunächst im privaten und dann auch im ärztlichen Klinik-Alltag auseinander zu setzen, hat sich für mich eine neue Welt geöffnet. Und darüber möchte ich heute gerne berichten.

Achtsamkeit ist seit längerem schon in aller Munde und wird gern als neues Mode-Thema abgetan. Meiner Meinung nach wird diese tolle Art und Weise zu leben sehr unterschätzt. 

Sie bietet uns so viel, kann unseren (ärztlichen) Alltag bereichern und um 180 Grad wenden. Sie kann, wenn wir es zu lassen, unser ganzes Leben und Empfinden verändern.

Mit diesem Beitrag möchte ich natürlich niemanden bekehren, sondern euch meine Gedanken und Erfahrungen näher bringen. 

Denn Achtsamkeit stellt für mich einen wichtigen, neuen Baustein zu mehr ArztSein dar.

Einen richtigen Aha-Effekt hatte ich, als ich einen Beitrag von dem Psychologen Prof. Dr. Stephan Schmidt von der Universität Freiburg über sein Projekt ‘Muse und Achtsamkeit’, das sich mit Stressreduktion durch Achtsamkeit bei Assistenzärzt*innen beschäftigt, gehört habe.

In diesem Beitrag hat er u.a. darüber gesprochen, warum wir alle unter zunehmendem Stress stehen und inwieweit die aktuelle soziokulturelle Situation dazu beiträgt. 

Seine sehr spannenden Erklärungen zu stressfördernden Merkmalen in unserer Kultur möchte ich euch zusammengefasst wiedergeben und erklären. Denn die Lebensweise von uns allen in der heutigen Zeit setzt den Grundstein für Stress, Burnout und Depressionen. Achtsamkeit bietet uns hier eine tolle Möglichkeit, dem langfristig und nachhaltig entgegen zu wirken.

Die 4 stressfördernden Kulturmerkmale nach Prof. Dr. Stephan Schmidt

Prof. Dr. Schmidt beschreibt vier Kulturmerkmale, die verantwortlich dafür sind, dass wir uns alle unter ständig anhaltendem Druck oder Stress befinden.

1. Überangebot

Das erste Merkmal ist das überall auffindbare Überangebot. Es gibt von allem schlicht zu viel, was uns ständig in zeitfressende Entscheidungssituationen bringt

Sei es ein Handyvertrag, die schiere Serien-Vielfalt bei diversen Streaming-Anbietern  oder auch das Freizeitangebot: Man kann theoretisch alles machen, was man möchte.

Mit den folgenden Alltagssituationen will ich euch das Dilemma einmal veranschaulichen – und ich bin sicher, ihr kennt sie:

Essen gehen bei diversen Italienern in der Stadt oder doch lieber das Abendessen bestellen? Und wenn ja, wo? Bei welchem Italiener und dann welches Gericht? Nudeln oder Pizza, welche Pizza genau? Die mit Salami, Schinken und Käse oder lieber doch die Pizza mit Salsiccia, Schinken und Mozzarella oder stell ich mir meine eigene Kreation zusammen? Ihr merkt, schon allein hier kann eine Form von Stress entstehen.

Und wer kennt die folgende Situation nicht: 

Man sucht verzweifelt nach dem richtigen Film für den Samstag Abend. Es werden zahlreiche Trailer angeschaut und man vertrödelt reichlich Zeit beim Aussortieren. Schließlich könnte ja noch ein besserer Film verfügbar sein, bis man sich dann doch auf die erste Idee einigt. Früher gab es zum Fernsehen nur Das Erste und Den Zweiten. Da wurde nicht lange überlegt und diskutiert.

Das Überangebot finden wir nun überall und an jeder Ecke wieder. Die Auswahl ist grenzenlos. Achtet das nächste Mal darauf, wenn ihr aus dem Haus geht, zum Beispiel beim Einkaufen. Ihr werdet überrascht sein! 

Achtet beim nächsten Einkauf auf die endlose Auswahl!
Photo by Allef Vinicius on Unsplash

2. Individualisierung

Das nächste Merkmal ist die Individualisierung. Jeder möchte etwas Besonderes sein oder darstellen. Es fängt beim Lebenslauf an, dieser ‘muss’ individuell sein, damit man interessant ist. Ebenso die Hobbies, die Kleidung soll den eigenen Stil unterstreichen und man setzt sich selbst unter reichlich Druck, immer seine eigene ‘Marke’ zu gestalten. Das kann dann bis zur zeitaufwendig perfekt gestalteten Instagram-Story gehen.

3. Funktionalisierung

Prof. Dr. Schmidt benennt den dritten Punkt als einen Um-zu-Modus. Wir tun etwas nicht, weil wir es aus unserem tiefsten Inneren heraus tun wollen (Lies dazu gerne meinen Beitrag über Motivation beim ArztSein), sondern weil wir damit ein Ziel verfolgen. Wir instrumentalisieren für dieses Ziel bspw. Tätigkeiten, Dinge, soziale Interaktionen.

Ziele zu haben ist wichtig. Jeder von uns sollte seine Ziele und Wünsche kennen. Leider geben wir durch unsere Zielstrebigkeit gerne unsere Räume zum Sein ab

Wir geben unsere tatsächliche Freizeit ab, weil wir ständig mit irgendetwas beschäftigt sind. Und das über den ganzen Tag, auf der Arbeit als auch zu Hause, sodass die Ruhe und Erholung am Abend vielleicht gar nicht mehr so wahrgenommen werden kann, weil man es schlichtweg nicht bemerkt.

Ich möchte es mit zwei Beispielen kurz zeigen:

Die wenigsten werden jetzt ‘Ich!’ sagen, denn wir alle sind im ‘Um-zu-Modus’ und tippen stattdessen Mails, stellen schon einmal die Einkaufsliste für die nächste Woche zusammen usw.

Wer weiß, wann er das letzte Mal am Bahngleis einfach nur gewartet und sich seinen Sinnen hingegeben hat?

Das andere Beispiel ist das tägliche Essen. Eine Möglichkeit der Ruhe und Erholung und vor allem des Genusses.

Die Frage ist nur Folgende: 

Wer hat das letzte Mal bei seiner Mahlzeit wirklich genossen, die Speise über seine ganze Zunge ausgebreitet und die verschiedenen Geschmacksfelder bemerkt, den Druck der Speise zwischen den Zähnen wahrgenommen und bewusst geschluckt?

Ich für meinen Teil finde mich darin wieder, dass ich mich schnell mit Hunger vor die Mahlzeit setze, auf die ich mich gefreut habe, und sie in wenigen Minuten herunter geschlungen habe. Dazu ein Getränk, was schnell nachgespült wird, dessen eigentliche Konsistenz gar nicht wahrgenommen wird und dessen Geschmack schnell vergangen ist.

Eine der bekanntesten Achtsamkeits-Übungen: Iss eine Rosine und geh auf Entdeckungsreise – es wird sich lohnen!
Photo by Erda Estremera on Unsplash

Übung: Iss eine Rosine mit allen Sinnen

Nehmt euch etwas Zeit für diese Übung und eine Rosine.

  • Zuerst betrachte die Rosine. Nimm sie in eine Hand und schau aus allen Winkeln an. Halte sie gegen das Licht. Führe sie nah vor das Auge und entdeck die vielen kleinen Falten. Vielleicht glitzert sie sogar ein wenig?
  • Halte die Rosine dann unter deine Nase. Atme tief ein und erforsche ihren Geruch. Wenn du das einen Moment getan hast und du dich satt gerochen hast, dann fahre fort.
  • Führe die Rosine zu einem Ohr deiner Wahl. Reibe sie zwischen deinem Zeigefinger und deinem Daumen und lausche der Rosine.
  • Nun streiche sie über deine Lippen. Wie fühlt sich die Oberfläche auf deinen sehr feinfühligen Lippen an? Läuft dir das Wasser im Munde zusammen? Spürst du einen Drang, sie zu essen? Nimm sie sanft zwischen die Lippen und erforsche die Beschaffenheit. Gebe sie weiter an deine Schneidezähne und spüre die weiche Struktur zwischen den Zähnen. Spiele mit der Rosine, aber zerkaue sie noch nicht. Schubse sie, wenn du genug hast auf deine Zunge. Lass sie über alle Bereiche wandern, schiebe sie mit der Zunge an den Gaumen. Erkunde wieder die Substanz, spüre sie und schmecke sie. Gib sie dann an deine Backenzähne weiter und lass diese langsam auf sie niederkommen. Spüre den Druck, den Widerstand und den Wunsch zum Schlucken. Gibt es eine Geschmacksveränderung? Spiele weiter mit der Rosine, bis du bereit bist, sie wirklich in deinen Magen hinunter schlucken zu wollen. Nimm den Schluckvorgang wahr. Ab wann kannst du sie nicht mehr spüren? Was verbleibt in deinem Mund? Lecke noch einmal die Lippen ab, um die letzten Reste ihres Geschmacks einzufangen.
  • Zu guter Letzt: Denk einmal nach, was die Rosine für einen Weg hinter sich gebracht hat, bis sie es zu dir in deine Finger geschafft hat. Wo wurde sie angebaut und geerntet? Wie viele Menschen waren wohl involviert? Wie ist sie in deine Stadt, in deinen Supermarkt gekommen? Und wie hast du sie gekauft? Mit welchem Geld erworben? Wurde sie besonders zubereitet? Was spürst du bei diesen Gedanken? Dankbarkeit? Vielleicht auch Ehrfurcht?

Diese kleine Übung ist sehr bekannt. Ich habe sie selbst beim Achtsamkeitskurs das erste Mal gemacht und war total überrascht über die vielen, vielen Eigenschaften einer Rosine, die ich so bisher nie wahrgenommen habe.

Du kannst diese Übung für jede Mahlzeit oder jedes Getränk anwenden. Es gelingt nicht immer mit allen Sinnen, aber dir wird dafür eine neue Welt die Türe öffnen, denn das tägliche Essen wird für dich nicht mehr nur ein Akt des Überlebens sein, sondern purer Genuss werden. Achtung – in Gesellschaft ist es nicht so einfach sich mit voller Achtsamkeit der Speise zu zuwenden. Am besten ihr probiert es am Anfang alleine aus oder wenn der Gegenüber mitmacht.

“Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen, Unglück oft durch Vernachlässigung kleiner Dinge.”

– Wilhelm Busch

4. Beschleunigung

Das letzte Merkmal ist die soziale Beschleunigung. Dieses Merkmal hat mich mit am meisten überrascht, weil es so offensichtlich unser Leben beherrscht und wir es doch nicht bemerken.

Prof. Dr. Schmidt verweist auf die Theorie von Hartmut Rosa, einem deutschen Soziologen, der auch bekannt ist als Beschleunigungs-Theoretiker. Seine Theorie besagt, dass sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts strukturelle und kulturelle Prozesse innerhalb der Gesellschaft immer weiter beschleunigen. Als Konsequenz wird zum einen Zeit zunehmend als knappe Ressource wahrgenommen, wodurch der Mensch vermehrt Zeitnot und Stress empfindet. Zum anderen befürchtet Rosa, dass wir durch die permanente Reaktion auf Veränderungen und damit verbundenen (notwendigen) Anpassungen unsere Selbstbestimmung aus den Augen verlieren (Rosa – Die Beschleunigung, Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Suhrkamp Verlag, 2005; Rosa – Beschleunigung und Entfremdung, Suhrkamp-Verlag, 2013).

Konkret bedeutet es am Beispiel von Haushalts- und Freiteitgeräten folgendes:

Früher wurde ein Haus per Hand sauber gehalten. Die Wäsche wurde bspw. mit der Hand gewaschen und gekocht wurde über offenem Feuer. 

Wenn wir nun einmal alle an unsere eigene Küche denken, was finden wir dort? Eine Spülmaschine, eine Waschmaschine, einen Ofen, einen Toaster, einen Wasserkocher und vielleicht sogar eine Küchenmaschine, einen Thermomix? Manch einer besitzt einen Saugroboter, der zu einer festen Zeit durch die Wohnung fährt.

Darüber hinaus besitzen wir nun alle ein weiteres Gerät: ein Smartphone, mit dem wir jeden Lebensabschnitt planen und festhalten können, immer erreichbar sind.

Ich kann mich noch sehr gut an mein erstes Handy, das Nokia 4210 erinnern. Es hatte natürlich einen Schwarz-weiß Display und man musste jeden Tag aufs neue entscheiden, welche SMS man nun doch endlich mal löschen sollte, damit wieder Platz für Neue da ist. Da lächeln wir

heute natürlich drüber, denn mit einem Klick kann man den Speicher der Cloud bequem erweitern.

Früher hat man Briefe geschrieben, von Hand mit einer Feder und Tinte und den Brief dann auf einen zeitlich langen Weg geschickt. Das Schreiben des Briefes hat seine Zeit gedauert und ebenso hat man Tage bis Wochen auf eine Antwort gewartet.

Heute wird eine Nachricht in kürzester Zeit verfasst und wenn man möchte sogar als Voice-Message gesendet. Und eben genauso schnell erhält man eine Antwort.

Die wichtige Frage an dieser Stelle ist nun – was machen wir denn mit der vielen Zeit, die wir nun dank unserer Geräte gewonnen haben? Jetzt, wo wir nicht mehr kochen müssen und der Thermomix es für uns übernimmt?

Tja, also ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe dank der neuesten Technologien nicht mehr Zeit.

Trotz der vielen technischen Errungenschaften im Haushalt, fühlt es sich nicht nach mehr Zeit an.
Photo by Aron Visuals on Unsplash

Die Entwicklung findet nämlich nicht nur bei den Geräten statt, sondern auch kulturell und sozial und beschleunigt unsere alltäglichen Handlungen. Als Beispiele seien hier fast food, speed dating oder power naps (Rosa, 2013, s.o.) genannt. Neue Trends lösen sich schneller ab und wir versuchen uns möglichst flexibel und anpassungsfähig zu verhalten, um keine Trends zu verpassen (Rosa, 2013, s.o.). 

Die Ebenen, auf denen dies geschieht, sind vielfältig. So macht es die moderne Familiengestaltung möglich mehrere Familien in einer Lebensspanne aufzubauen und dank der immer weiter reichenden sozialen Vernetzung, sind wir immer und überall verfügbar.

Ich weiß nicht, wie es euch jetzt geht und was ihr nun denkt. Aber für mich hat es in dem Moment, als ich diese 4 Kulturmerkmale kennen gelernt habe, richtig Klick gemacht.

Denn genau diese Punkte treffen auf mich und mein Leben zu. Sie machen mir Stress. Sie setzen mich unter Druck.

Die Idee hinter der Achtsamkeit

Übung:

Stell dir folgende Situation einmal vor. Denk dich in sie hinein.

Spür deine Füße in den schweren OP-Schuhen auf dem Boden. Dein Herz schlägt in deiner Brust etwas schneller als gewohnt. Du spürst deutlich die OP-Maske auf deiner Nase und wie sie um den Kopf geschnürt ist. Die OP-Haube drückt an der Stirn. Dir ist warm, denn du hast einen sterilen Kittel um dich geschlungen. Deine Hände sind von perfekt sitzenden Handschuhen umgeben.

Vor dir siehst du den runden Bauch einer schwangeren Patientin, steril abgedeckt mit einer geraden Linie am Ende der Bikinizone. Du stehst auf der Seite des Operateurs. Die OP-Schwester richtet ihren Tisch und reicht dir den sterilen Lampengriff, den du automatisch an die OP-Lampe steckst. Du hörst das Klicken und spürst in deiner Hand den Gegendruckt des Lampengriffes.

Du spürst die Aufregung in dir. Freudige Aufregung, gemischt mit etwas Anspannung. Es ist nicht dein erster Kaiserschnitt, den du gleich machen wirst, aber du bist trotzdem froh, dass die Oberärztin bei dir ist und jeden Schritt überwacht.

Spüre die Dankbarkeit. Spüre tief in dich hinein und werde dir bewusst, was du gleich machen wirst. Du hast dir den Weg hierhin erarbeitet, das Studium, das PJ, die vielen Prüfungen und die vielen Nachtdienste bis zum ersten Kaiserschnitt, bis zum jetzigen Erfahrungsstand. Spüre die Dankbarkeit dafür, dass du diesen Schnitt machen darfst. Ein Baby zur Welt zu holen, den Bauch der Patientin zu eröffnen, ihr Vertrauen zu bewahren. 

Spür dich in all dies hinein.

Du lässt dir eine chirurgische Pinzette geben und testet mit der Anästhesie den Sitz der Narkose. Du nimmst das Instrument in deiner Hand wahr. Zwischen den Fingern, wie es schwer und doch so leicht liegt.

Dir wird das Skalpell gereicht. Bemerke den Anstieg der Herzfrequenz, die Aufregung. Atme einmal tief und bewusst ein. Du bist in Gedanken ganz im Hier und Jetzt. Vielleicht sogar in einem Zustand wie in einem Flow – du denkst an nichts und fühlt den Moment ganz für sich. Das ist es, wofür du arbeitest. Chirurgisches Handwerk, das Vertrauen, die Dankbarkeit, das neue Leben.

Du setzt das Skalpell ans Ende der Linie auf die Haut und schneidest die Haut entlang der aufgemalten Linie auf.

Nicht alle von euch sind chirurgisch tätig und nicht alle haben bereits eine Sectio machen oder Routine in der Durchführung des Kaiserschnittes erlernen dürfen. Diese Übung soll nur ein Beispiel darstellen für eine routinierte Arbeit des Arztes. 

Stellt euch gerne stattdessen eine Pleurapunktion oder eine Abdomensonographie oder oder oder vor. Und fragt euch dann – wann habe ich die Tätigkeit das letzte Mal bewusst durchgeführt? 

Ich selbst erlebe Momente wie diese klar und bewusst, seitdem ich mich mit Achtsamkeit beschäftige und insbesondere, seitdem ich einen Achtsamkeits-basierten Meditationskurs (oder Mindfulness based stress reduction- / MBSR-Kurs) gemacht habe.

Ein Kaiserschnitt ist etwas besonderes und ein wunderbarer Teil des ArztSeins. Er darf Stress-bedingt oder aus Unachtsamkeit nicht zur Nebensache werden.
Photo by Jonathan Borba on Unsplash

Achtsamkeit bietet uns die Möglichkeit den Autopiloten zu verlassen und ganz im Moment zu sein

Es hat meine Welt ganz auf den Kopf gestellt.

Ich erlebe nun häufiger Momente ganz so, wie sie sind. Ich fühle sie mit jeder einzelnen Faser meines Körpers und ich übe mich darin, Achtsamkeit zu praktizieren. Denn vieles von dem, was wir tagtäglich tun, nehme  wir durch unsere Gedanken an die Zukunft oder die Vergangenheit und den damit verbundenen Gefühlen gar nicht wahr. Wir führen im Autopilot aus, unser Kleinhirn übernimmt die Führung.

Früher bin ich an den OP-Tisch getreten, mein Kopf voll mit Gedanken über die Patientin, den Geburtsstillstand als Indikation für die Sectio. ‘Haben wir alles richtig gemacht? Hätten wir mehr tun können?’ Oder ich denke an die wartenden Patienten in der Notaufnahme. Und erst im letzten Moment habe ich den Fokus umgelenkt auf meine Arbeit und die OP.

Den Zustand eines Flows, also absolute Zufriedenheit in dem Tun mit totalem Versinken in dem Moment in völliger Konzentration, hatte ich schon immer beim Operieren.

Den feinen Unterschied mit Hilfe der Achtsamkeit habe ich darin gefunden, dass ich bewusst in genau diesem Moment bin und mir darüber die gesamte Breite dessen, was ich tue, klar werde, ich beispielsweise Dankbarkeit oder auch spüre.

“Du kannst die Wellen nicht stoppen, aber du kannst lernen zu surfen.”

– Jon Kabat Zinn

Ich bin achtsam. 

Das bedeutet, dass ich mit voller Absicht den Moment als solchen wahrnehme, ihn mit all seinen Gefühlen und Gedanken annehme und ganz im Hier und Jetzt bin ohne eine Bewertung zu formulieren (Zinn – Gesund durch Meditation, Knaur MensSana Verlag, 2013).

Probiert es einmal selbst aus. Sucht euch eine (ärztliche) Tätigkeit, die ihr regelmäßig ausübt, und macht sie euch bewusst bewusst. Verlasst den Autopiloten. Spürt den Unterschied in eurem Körper, in euren Gedanken und in euren Gefühlen. Beobachtet euch. 

Und vielleicht bemerkt ihr einen Unterschied. Lasst euch darauf ein und entdeckt selbst, dass sich nicht nur das Erleben der Tätigkeit an sich sondern darüber hinaus sich auch euer Bewusstsein beim ArztSein ändert.

‘Dem Alltag entfliehen’ wie es Prof. Dr. Schmidt so schön betitelt, können wir mit Hilfe der Achtsamkeit

Der Nutzen einer Achtsamkeits-basierten Meditation zur Stressbewältigung  (Mindfulness Based Stress Reduction, MBSR) wurde in den letzten Jahrzehnten zunehmend  mit wissenschaftlichen Studien untersucht. 

Prof. Jon Kabat Zinn ist der Erfinder der MBSR-Methode und hat durch die Arbeit mit  Patienten in seiner Stress Reduction Clinic seit 1970 einen großen Beitrag zu den wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema Achtsamkeit geleistet.

So konnte er mit Hilfe seines MBSR-Programms bei seinen Patienten dort anknüpfen, wo die Schulmedizin nicht mehr weiter wusste:

  • sei es die Wahrnehmung von Schmerzen,
  • die Entdeckung, dass wir alle nicht unsere Gedanken sind, 
  • dass Gefühle wie ein Naturereignis wahrgenommen werden können, das wie ein Regenschauer kommt und vergeht
  • oder einfach nur das Gefühl, im Rahmen der Meditation zu entschleunigen, den Körper zu spüren und die körperlichen Veränderungen bei Emotionen zu beobachten

All das und noch viel mehr kann Achtsamkeit für uns verändern und bedeuten.

Der Achtsamkeits-basierte MBSR-Kurs hat seine Wirkung mittlerweile bewiesen, sodass beispielsweise die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie in der Leitlinie zur Komplementärmedizin unter Mind-Body-Medizin dem MBSR-Kurs eine Empfehlung (+; “This investigation or therapeutic intervention is of limited benefit for patients and can be performed”) ausgesprochen hat. “Das Programm verbessere Lebensqualität, Bewältigungsstrategien, Achtsamkeit, vermindere Stress, Angst, Depression, Fatigue und Schlafstörung.”

Prof. Dr. Schmidt, von dem wir zu Beginn dieses Artikels bereits die stressfördernderen Kulturmerkmale gelernt haben, untersucht in seiner Studie “Muße und Achtsamkeit”, inwieweit Achtsamkeit von Assistenzärzt*innen zur eigenen Selbstregulation und Selbstfürsorge erlernt und während der Arbeit eingesetzt werden kann, mit dem Ziel, eine bezogene und einfühlsame Präsenz für das ärztliche Handeln zu entwickeln (Schmidt, 2019). Hierzu werden die Assistenzärzt*innen in einem 8 wöchigen Kurs mit Achtsamkeit in Kontakt gebracht und geschult werden. Aktuell läuft die Studie noch, aber ich glaube, dass die Kolleg*innen von einem Benefit berichten werden.

“Wenn wir wirklich lebendig sind, ist alles, was wir tun oder spüren, ein Wunder. Achtsamkeit zu üben bedeutet, zum Leben im gegenwärtigen Augenblick zurückzukehren.”

– Thich Nhat Hanh

Stellt euch einmal vor, wie sich euer Empfinden für den heutigen, sozial beschleunigten ärztlichen Alltag verändern könnte. 

Wenn ihr euch in Achtsamkeit übt und bewusster den Moment lebt, weniger in der Vergangenheit oder der Zukunft nachgeht und das Jetzt annehmt.

Ihr könntet zum Beispiel

  • Bewusst den Fahrtwind auf dem Fahrrad morgens auf dem Weg zur Arbeit im Gesicht spüren (ohne an den bevorstehenden Arbeitstag oder die Müdigkeit zu denken)
  • Bewusst die erste Händedesinfektion durchführen, Kälte spüren, den Geruch in der Nase wahrnehmen (und wieder das beißende Brennen in der Nase zu bemerken)
  • Bewusst das Patientenzimmer betreten (ohne den Zeitdruck zu spüren)
  • Bewusst den Stationsflur entlang laufen, den Boden zu spüren (ohne an die nachfolgende Tätigkeit zu denken)
  • Bewusst dem Patienten ins Gesicht blicken bei der Begrüßung
  • Bewusst zuhören
  • Und vieles, vieles mehr
Achtsamkeit gibt uns die kleinen Dinge im Leben zurück.
Photo by Mat Reding on Unsplash

Anhand dieser Beispiele seht ihr, wie häufig man als Arzt im Modus des Autopiloten arbeitet und die eigentlichen Momente des ArztSeins vielleicht verpasst. Denn man steckt in Gedanken beim nächsten Patienten oder bei der schwierigen Diagnose vom Vormittag, aber eben nicht im Hier und Jetzt. Man liefert sich noch stärker dem Stress und Arbeitsdruck des ärztlichen Alltags aus.

Mich hat die Lebensweise, welche in ihrer ursprünglichsten Art und Weise im Buddhismus seit langer, langer Zeit gelehrt wird, überzeugt.

Achtsamkeit funktioniert nicht als Um-Zu-Tätigkeit

Allerdings dürfen wir einen Fehler nicht machen: 

Die Meditation und Achtsamkeit instrumentalisieren, um mit ihrer Hilfe noch besser zu arbeiten, noch schneller zu sein, noch zufriedener zu werden. Denn dann hätten wir nur wieder einen weiteren Um-zu-Zustand für uns gefunden, den wir für etwas missbrauchen statt ihn seiner Sache wegen zu tun 
Wenn ihr noch mehr über Achtsamkeit und die tolle Arbeit von Jon Kabat Zinn erfahren wollt, dann kann ich euch sein Buch ‘Gesund durch Meditation’ wärmstens ans Herz legen. Außerdem bekommt ihr ganz viele Informationen und angeleitete Meditationen von Boris Bornemann und seiner App Balloon.
Mit dieser App meditiere ich seit ca. 1,5 Jahren. Ich habe auch andere Apps ausprobiert, habe mich aber jedes Mal wieder bei Boris wieder gefunden. Er ist selbst Neurowissenschaftler und kennt sich in der Achtsamkeitsforschung bestens aus. Schaut euch aber gern die anderen Angebote ebenfalls an und sucht das für euch passende Programm heraus (Gut, dass hier ein noch überschaubares Überangebot herrscht 😉 ).

Wieso ist also Achtsamkeit nun für uns wichtig?

Achtsamkeit bietet uns Ärzten die Möglichkeit den jetzigen Moment ohne jede Bewertung zu erleben und auf diese Weise bewusst zu leben, bewusst zu sein. Die heutige soziokulturelle Lebensweise lässt sich durch 4 Hauptmerkmale beschreiben, die sich in sich gegenseitig befeuern und uns Zeit nehmen und Stress oder Druck fördern: 

  • Überangebot
  • Individualisierung
  • Funktionalisierung
  • Beschleunigung 

Achtsamkeitsbasierte Meditation kann uns helfen im stressigen Arbeitsalltag den Autopiloten zu verlassen und im Hier und Jetzt zu leben. Bewusst unsere Zeit beim Patienten wahrzunehmen und ebenso bewusst unsere Freizeit zu spüren und Pausen zu genießen.

“Gehe ganz in deinen Handlungen auf und denke, es wäre deine letzte Tat.”

– Buddha

Wenn ihr möchtet, dann probiert die beiden o.g. Übungen einmal aus und seid gespannt, ob ihr eine Veränderung bemerkt. 

Vielleicht konnte ich eure Neugier für mehr Achtsamkeit in der Klinik wecken und euch eine weitere Möglichkeit für mehr Arztsein im Klinikalltag zeigen.

Ich bin gespannt auf eure Rückmeldungen zu diesem Beitrag. Schreibt mir doch eure Erfahrungen zu meinen beiden Übungsvorschlägen. Ich warte darauf, was ihr berichtet.

Falls ihr Fragen, Wünsche oder Anregungen habt oder euch mit mir über Achtsamkeit austauschen wollt, dann schreibt mir ebenso eine Mail an nicole@arztsein.com

Feedback für und diesen Beitrag ist wie immer sehr willkommen, ich freue mich über jedes Lob und jeden Verbesserungsvorschlag! Habt vielen, vielen Dank für eure Rückmeldung.

Dann bis ganz bald wieder, viel Spaß bei euren ersten Erfahrungen beim achtsamen Arztsein, Eure Nicole.

Hi, ich bin Nicole. Ich habe das Projekt ‘Arzt-Sein’ ins Leben gerufen, um Themen vorstellen, die mich auf meinem bisherigen Ausbildungsweg beschäftigt haben und für die ich im normalen Klinik-Assistenten-Leben keine Antworten gefunden habe.

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