Das Warum hinter ArztSein

13. April 2020

Hallo alle zusammen! Schön, dass ihr ‘ArztSein’ gefunden habt! 

Mein Name ist Nicole, ich bin Assistenzärztin in dem Fach Gynäkologie und Geburtshilfe und habe das Projekt ‘ArztSein’ ins Leben gerufen. Mit ‘ArztSein’ möchte ich Themen vorstellen, die mich auf meinem bisherigen Ausbildungsweg beschäftigt haben und für die ich im normalen Klinik-Assistenten-Leben keine Antworten gefunden habe. Dabei wird es unter anderem um Inhalte gehen wie Stress am Arbeitsplatz, schwierige Gespräche und Fehlermanagement sowie die persönliche Entwicklung in der Rolle des Arztes. Ich möchte dabei unseren Fach-Mediziner-Horizont etwas erweitern und bspw. Ausflüge machen in die Psychologie, in die Philosophie und auch in die Achtsamkeit. 

Mein erster Blogeintrag ist sozusagen der Einstieg in unser Arzt-Dasein und soll euch mein Warum hinter ‘ArztSein’ erklären. Ich werde in diesem Beitrag einen kritischen Ton anschlagen, da aktuell eine hohe Arbeitsbelastung in den Kliniken herrscht und das immer wieder gesagt werden muss. Denn darin liegt ein großer Anteil der allgemeinen Unzufriedenheit der Assistenzärzte in Deutschland begründet (Vgl. aktuelle Umfrage des Marburger Bundes, s.u.). Die Arbeitsbelastung und der hohe Dokumentationsaufwand nehmen uns Ärzten die Zeit am Patienten, aber auch die Zeit uns selbst fachlich und persönlich zu entwickeln, zu reflektieren und zu lernen. Ich möchte, nun dass wir uns die täglichen Arbeitsbedingungen einmal bewusst werden lassen und daraus in der Zukunft gute Lösungsansätze für uns herausarbeiten.

Also los geht’s! Fangen wir einmal bei Null an.

Wann habe ich entschieden Ärztin zu werden?

Sicherlich habt ihr euch bereits das ein oder andere Mal die Frage gestellt, wieso ihr eigentlich Arzt geworden seid. Für mich war klar, seit ich als Schülerin Dr. House geschaut hatte, dass der menschliche Körper unheimlich faszinierend und doch so komplex ist, dass die Idee in mir aufkam Medizin studieren zu wollen. Ich wollte den Menschen verstehen, was in uns passiert und wie die Organe und die einzelnen Zellen, die vielen Signalwege funktionieren.

Im Pflegepraktikum hat sich diese Faszination noch verstärkt und gefestigt. Hinzu kam, dass ich Ärzte und Pfleger bei der Arbeit sah, also im Gespräch mit den Patienten als Helfer, und ich wahnsinnig beeindruckt war. Ich kann mich sehr genau an meine erste Blutentnahme und meinen ersten Moment im OP – es war eine Nephrektomie – erinnern. Dass ich damals schon von einem Assistenzarzt vor der Arbeitsbelastung gewarnt wurde und er mir von dem Beruf abgeraten hat, habe ich komplett ausgeblendet. Wenn ich soweit sein würde, dachte ich mir ganz naiv, dann würden sicherlich bessere Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen herrschen. Das war vor über 10 Jahren. Ich konnte mir keinen besseren Beruf vorstellen und wenn ich ehrlich bin, dann habe ich bisher auch keine gute Alternative finden können.

Damals wusste ich, dass Ärztin zu sein nicht bedeutet auf einem Board mit einem Stift Symptome zu sammeln und einem Team bestehend aus den besten Ärzten, die natürlich alles können, Rätsel zu lösen, Diagnosen (Es ist nie Lupus!) zu stellen und die Patienten zu retten. Aber mir war klar, dass ich den menschlichen Körper in seiner Komplexität und Effektivität verstehen lernen würde und am Ende täglich mit Menschen in regen Kontakt sein würde, dass ich, wenn ich das möchte, operieren würde oder Untersuchungen durchführen würde und das die meiste Zeit des Tages und zwar am besten als eine helfende, respektierte Person, eben als Ärztin.

Soweit so gut. Eure Geschichte ist sicherlich ähnlich.

Der Klinikalltag gestaltet sich häufig anders als erwartet

Heute sehe ich meinen Arbeitsalltag mit den Bereitschaftsdiensten anders und die Frage, wieso ich eigentlich Ärztin geworden bin, hat sich mir schon mehr als einmal (manchmal auch mehrfach im gleichen Nachtdienst) aufgedrängt. Sehr schnell sieht man sich dann mit einem bitteren Unterton á la Dr. House seinen Patientinnen gegenübersitzen und auch die Erzählungen der Pflichtlektüre eines jeden Medizinstudenten ‚House of God‘ von Samuel Shem erscheinen nicht mehr so überzogen. Den Begriff ‚Gomers‘, ein Akronym für ‚Get out of my emergency room‘, der eigentlich für sehr, sehr alte Patienten steht, welche regelmäßig in die Klinik kommen und das verloren haben, was sie menschlich macht und durch die moderne Medizin am leben gehalten werden, habe ich z. B. bereits auf alle nicht-Notfälle in meiner Notaufnahme umdefiniert.

„Gomers are human beings who have lost what goes into being human beings. They want to die, and we will not let them.“

– Samuel Shem, House of God

Ein Beispiel für einen ‘Gomer’ in meinen Diensten ist eine alte Patientin aus dem Pflegeheim, die notfallmäßig wegen vaginalen Blutungen kommt. In 99% der Fälle wurde sie bereits in ihrer Vergangenheit hysterektomiert (Sie hat also die Gebärmutter entfernt bekommen), was auch immer als Diagnose in den Unterlagen steht, sodass die Gebärmutter als Blutungsquelle wegfällt und dann eine Blasenentzündung die Ursache festgestellt wird. Die arme, exsikkierte, verwirrte Frau wird also wegen eines Harnwegsinfekts notfallmäßig in die Klinik gefahren und den Gynäkologen präsentiert. Sie wäre im House of God ein klassischer Gomer.

Meine Version eines Gomers ist beispielsweise die junge Patientin, die mit vaginalem Juckreiz seit 5 Tagen Samstag nachts in die Notaufnahme kommt. Ist mir vor kurzem erst passiert. Da kam eine junge Frau spät am Samstag-Abend – sie hatte tatsächlich einen Vaginalpilz – und hat gefragt, ob ich ihr wegen des Juckreizes ein Attest ausstellen könne, dass besagt, dass sie ihren heutigen Flug nach Spanien nicht antreten könne. Den Flug hatte sie zu dem Zeitpunkt natürlich schon verpasst. Bei solchen Notfällen heißt es für mich dann immer ‚Augen zu und durch‘.

So ist meine Beobachtung, dass die Notaufnahme leider immer häufiger von Patientinnen aufgesucht wird, die kein Notfall sind und nicht selten mit dem Rettungsdienst kommen, obwohl für sie völlig klar ist, dass sie nach der Untersuchung wieder nach Hause gehen. Dieses Patientenverhalten führt zu einer Arbeitsverdichtung in der Notaufnahme, zu einer erhöhten Arbeitsbelastung und setzt voraus, dass man als Arzt umso wachsamer nach den wirklichen Notfällen Ausschau hält und diese heraus fischt.

Die aktuelle Umfrage des Marburger Bundes spiegelt Arbeitsbelastung wider

Tatsächlich hat die Arbeitsbelastung aber nicht nur im Dienst bzw. in der Notaufnahme zugenommen. Bedingt durch Personalmangel, Zeitdruck und Überstunden, spiegeln die Zahlen der aktuellen Umfrage des Marburger Bundes mein und sicherlich auch euer Arbeitserleben sehr gut wider.

An der Onlinebefragung im vergangen Herbst haben ca. 6500 angestellte Kollegen teilgenommen.

Kurz zusammengefasst, gaben fast die Hälfte der Ärzte an, häufig überlastet zu sein. 15% seien deshalb schon wegen bspw. Burnout in psychotherapeutischer Behandlung gewesen. 3/4 der Befragten seien der Meinung, dass die Arbeitszeiten, ihrer Gesundheit schaden würden. Ebenso würde zu viel Zeit mit Dokumentation und Schreibtischarbeit verbracht werden. Über 40% verzichten mehrfach pro Woche auf ihre Mittagspause.

Ich glaube, dass sich viele von uns in diesen Angaben wiederfinden und sich damit identifizieren können. Die gewonnenen Daten sind auch nicht neu – das Ärzteblatt hat im vergangenen Sommer eine Extra-Ausgabe zur Arbeitsüberlastung in deutschen Kliniken veröffentlicht.

Und auch die FAZ hat bereits negativ über die Arbeitserfahrungen der jungen Ärzte berichtet. Dieser Artikel spiegelt mein Empfinden auch sehr gut wider und schreckt vom Arztberuf leider ab.

Bedingt ist die Arbeitsbelastung und Unzufriedenheit der Assistenten u. a. durch

  • Hohes Patientenaufkommen
  • Zeitdruck
  • Hoher Dokumentationsaufwand
  • Wenig Ausbildung
  • Wenig Erholung und Arbeitsschutz
  • Wenig Wertschätzung
  • Ungeregelte und auch unflexible Arbeitszeiten
  • Überstunden
  • Schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Dafür erledigen wir sehr viel Papierkram in Form von bspw. Anträgen oder wichtigen Codierungen zur fehlerfreien Abrechnung der Diagnosen und Prozeduren (dafür gibt es an meiner Klinik regelmäßige Schulungen) und natürlich muss man lernen jeden Patientenkontakt im juristischen Sinne korrekt zu dokumentieren. All das raubt Zeit, die man als Arzt in Ausbildung lieber am Patientenbett, im OP oder in einer Sprechstunde verbringen möchte, um eben Ausbildung zu erhalten und uns weiterzuentwickeln, sei es fachlich, operativ oder persönlich.

Doch im Arbeitsalltag bleibt für all das keine Zeit, selbst die Minuten für den einzelnen Patienten sind knapp abgezählt. Dazu kommt, dass zu sehr in unserem Stress-Bewusstsein verankert ist, was alles noch erledigt werden muss – die unzähligen Briefe, Laborkontrollen, Konsilanmeldungen und das alles noch bevor die nächste OP startet, wo man als Assistenz geplant ist. Zeit für eine Mittagspause oder eine kurze Erholung ist oft nicht da.

Wenn man sich in den To Dos verzettelt.
Photo by Luis Villasmil on Unsplash.

Ein weiterer Punkt sind die vielen Erwartungen, die man befriedigen möchte. Da ist zum einen die wirkliche Notfall-Patientin, die man nicht übersehen darf in der Notaufnahme, für die trotz Schlafmangel Höchstleistungen aufgebracht werden, dann die wartenden Patienten, die Familie, die informiert werden möchte, die Pflegekraft und natürlich auch die Kollegen, der eigene Chef und zu Hause Freunde, Partner, Familie. Demgegenüber steht der eigene Körper, der zu lange keine Pause hatte und müde ist und der eigene Wille.

Manch einer von uns hat zusätzlich eine sehr hohe Erwartungshaltung an sich selbst, dass alles perfekt abgearbeitet ist, dass kein Fehler passiert und dass man darüber hinaus lernt, dass man sich weiterentwickelt, dass man ein guter Arzt wird. Und man wünscht sich Zeit für sich, für Sport, Hobbies und Familie. 

Meine Schilderungen beschreiben etwas überspitzt dargestellt den Spagat, den man als Assistenzarzt jeden Tag aufs Neue vollbringt, am besten immer höflich und nett, aber bestimmt. Dass das nicht immer gelingt, kennt ihr sicherlich.

Mein Weg zu mehr ArztSein

Mit Hilfe meines Projektes ‚ArztSein‘ möchte ich euch einladen mich auf meinem Weg zu begleiten – weg von der gestressten Arzt-Version von House of God, hin zu mehr Freude, Sinnhaftigkeit, Selbstreflexion und persönliche Weiterentwicklung in unserem Beruf, hin zu mehr ArztSein. Auch wenn sich das System nicht so schnell ändern wird, bin ich überzeugt, dass wir alle gute und zufriedenere Ärzte sein können und dass wir uns dabei persönlich als auch fachlich noch besser entwickeln können.

„Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.“

– Henry Ford

Es wird sich in meinen nächsten Beiträgen zunächst weiter um die Frage ‚Wieso bin ich Arzt/Ärztin geworden‘ drehen. Wir werden sie aus mehreren Blickwinkeln betrachten und zum Beispiel auch kurze Ausflüge in die Achtsamkeitslehre machen. Denn mit mehr Wohlbefinden auf der Arbeit und mit etwas Zeit, Ruhe und Ehrlichkeit kann sich jeder an seine persönlichen Gründe des ArztSeins erinnern oder diese vielleicht sogar erst ergründen, neu entdecken und nachhaltig festigen. Ist doch ein ganz schöner Gedanke? Wenn ihr Lust habt, dann begleitet mich zu mehr ArztSein.

Ich hoffe ihr habt euch in meinem ersten Beitrag wieder gefunden. Wenn ihr Anregungen, Wünsche oder Fragen habt oder eigene Erfahrungen mit mir teilen wollt, dann hinterlasst mir gerne eine Nachricht unter nicole@arztsein.com. Über ein Feedback würde ich mich sehr freuen. Bald wird es auch die Möglichkeit geben, Bewertungen auf meinem Blog zu hinterlassen. 

Habt vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren und bis ganz bald,Eure Nicole.

Hi, ich bin Nicole. Ich habe das Projekt ‘Arzt-Sein’ ins Leben gerufen, um Themen vorstellen, die mich auf meinem bisherigen Ausbildungsweg beschäftigt haben und für die ich im normalen Klinik-Assistenten-Leben keine Antworten gefunden habe.

Podcast.

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